Wenn Produktivität zur eleganten Flucht wird

Was Disziplin im Führungsalltag mit Ehrlichkeit zu tun hat

Ich habe die letzten Monate viel Zeit in die Entwicklung meines neuen Buches gesteckt. Dabei gab es Tage, an denen ich acht Stunden «am Buch» gearbeitet habe. Mein Schreibtisch sah beeindruckend aus: offene Bücher mit bunten Textmarkierungen, handschriftliche Notizen, leere Tassen und auf dem Rechner zahllose offene Tabs und Dateien mit Gedankenfetzen. Ich fühlte mich dermassen produktiv! Am Abend wusste ich so viel mehr als noch am Morgen.

Nur der Text, der war kaum gewachsen …

Das war der unangenehme Teil. Meine Neugier war befriedigt worden und mein Kopf war die ganze Zeit beschäftigt. Damit hatte ich den Beleg, dass ich tatsächlich produktiv gewesen sein muss. Und doch habe ich in schöner Regelmässigkeit einen grossen Bogen um einen ganz bestimmten Punkt gemacht, nämlich den nächsten Satz zu schreiben. Ich habe vermieden, mich sichtbar zu entscheiden, meine Gedanken zu ordnen und auf den Punkt zu bringen. 

Der Schreibtisch sah nach Fortschritt aus. Die Wirkung blieb hingegen überschaubar.

Neugier braucht Führung

Im Gespräch mit meinem Mentaltrainer fiel ein Satz, der hängen geblieben ist: «Du nutzt deine Neugier, um dem Schreiben auszuweichen.» Das hatte gesessen. Gerade weil es stimmte.

Neugier ist für mich ein starker Motor. Sie öffnet mir neue Welten, verbindet Gedanken und führt mich in die Tiefen eines Themas. Doch in diesem Moment hatte sie mich auf Abwege geführt. Sie diente dem Ausweichen. Recherchieren fühlte sich leichter an als Schreiben. Lesen war angenehmer als sich festzulegen. Das Denken hielt mich beweglich. Das Schreiben hätte jedoch Ergebnisse sichtbar gemacht. 

Daran zeigt sich ein Muster, das vielen Führungspersonen vertraut ist. Die eigenen Stärken können zur eleganten Flucht werden, sobald sie den nächsten Schritt auf das Ziel hin überlagern.

Auch Führung kennt elegante Fluchten

Im Führungsalltag versteckt sich diese Form der Prokrastination gerne hinter Aktivität und Sorgfalt. Sie schlägt häufig einen sehr verantwortungsbewussten Ton an: «Lass uns noch eine Analyse machen. Hier sollten wir erneut Rücksprache halten. Wir brauchen noch einen weiteren Workshop.» 

So weit, so nachvollziehbar. Entscheidungen wollen sorgfältig vorbereitet sein, denn in der Regel haben sie Folgen fürs Budget, für Timelines und am Ende natürlich für andere Menschen. Der entscheidende Punkt liegt tiefer: Aus Sorgfalt kann ein Alibi entstehen, das die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen, unnötig hinauszögert und damit deine Wirksamkeit als Führungskraft auf den Sankt-Nimmerleinstag verschiebt.

Du bist immer beschäftigt. Dein Kalender ist voll. Deine Mails werden alle beantwortet. Die Vorlagen sind kommentiert. Und am Abend bleibt die Frage offen: Was habe ich heute wirklich vorangebracht? Diese Frage ist unbequem. Sie zeigt jedoch den Unterschied zwischen Aktivität und Wirkung.

Disziplin beginnt mit Ehrlichkeit

Disziplin klingt schnell nach Härte, Kontrolle und Durchziehen. Für mich liegt ihr eigentlicher Kern an einer anderen Stelle. Für mich heisst Disziplin «geordnete Selbstachtung». Das bedeutet, die eigene Energie dorthin zu führen, wo sie Wirkung erzeugt. Sie beginnt mit der Frage: «Was ist jetzt wirklich dran?» Und sie wird konkret, sobald du erkennst, welche Tätigkeit gerade nur deshalb attraktiv ist, weil sie dich vor dem nächsten vielleicht unbequemen Schritt schützt.

Für Führungspersonen ist das besonders relevant. Denn dein Ausweichen hat Konsequenzen. Es trainiert dein System. Wenn du Entscheidungen länger prüfst als nötig, lernt dein Team zu warten. Wenn du Vorlagen immer selbst glättest, lernt dein Team, dass die eigentliche Qualität erst durch dich entsteht. Wenn du strategische Fragen mit operativer Geschäftigkeit überlagerst, lernt die Organisation, dass Dringlichkeit Vorrang vor der Strategie hat. Willst du das?

Der nächste wirksame Schritt zum Ziel

Disziplin im Führungsalltag heisst deshalb, bewusst den nächsten Schritt zu gehen, der tatsächlich Wirkung erzeugt, auch wenn er unbequem ist. Vielleicht gilt es, eine Entscheidung zu treffen, die seit Wochen in der Schwebe hängt. Vielleicht führst du heute das Gespräch, das du in Gedanken schon x-mal durchgespielt hast. Vielleicht wird es Zeit, eine unausgesprochene Priorität klar und deutlich zu kommunizieren und konsequent umzusetzen. Oder du musst bewusst Dinge streichen, damit wieder Energie frei wird …

Oft reicht ein kleiner Anfang. Bevor du die nächste Aufgabe anpackst, halte einen Moment inne und stell dir diese drei Fragen: 

  • Was ist heute das Eine, das wirklich zählt?
  • Was vermeide ich gerade und warum?
  • Welcher nächste sichtbare Schritt bringt echte Wirkung?

Die Antwort darauf ist meist unbequem und doch führt sie dich zurück ins aktive Gestalten. Viel Erfolg!