Montagmorgen, 08:15 Uhr. Das Führungsteam sitzt im Projektreview. Das Tagesgeschäft läuft. Gleichzeitig soll ein neues Produktangebot entwickelt werden. Die ersten Gespräche dazu mit potenziellen Kunden haben Fragen aufgeworfen. Das Team möchte deshalb zwei Varianten testen.
Der Geschäftsführer schaut auf die Zahlen. «Wann bringt das Projekt Umsatz? Und wie können wir den Prozess schon jetzt standardisieren?»
Die Projektleiterin schaut irritiert in die Runde. Ein Kollege springt ein und öffnet ein Excel-Sheet. Aus dem Experiment wird in wenigen Minuten ein klassisches Projekt mit einem festgelegten Terminplan, Auslastungsziel und Ergebnisdruck. Die Kundenfragen treten in den Hintergrund. Das Team bewegt sich zurück auf vertrautes Terrain.
Die Führungskraft wollte mit ihren Fragen Orientierung geben. Tatsächlich hat sie den Modus Operandi, den Arbeitsmodus, verändert. Aus einem Entwicklungs- und Experimentierprozess, bei dem es ums Lernen ging, wurde ein Effizienzprojekt. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende eine gut organisierte Variante des Altbekannten entsteht, aber keine wirklich kundenorientierte Weiterentwicklung.
Unterschiedliche Ziele verlangen nach unterschiedlichen Führungslogiken
Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass der reine Effizienz-Gedanke das stärkt, was bereits funktioniert. Klare Abläufe, verlässliche Zuständigkeiten und Standards sorgen dafür, dass Kundenaufträge sauber bearbeitet werden. Die Fehlerquoten sinken, Übergaben werden einfacher und das Unternehmen verdient mehr Geld. Mit weniger Mitteleinsatz wird dasselbe Ergebnis erreicht. Vollkommen okay und absolut nachvollziehbar.
Beim Lernen hingegen richtet sich der Blick auf das, was erst morgen gebraucht wird. Es geht darum, Neues zu erkunden und nutzbar zu machen. Dafür benötigt ein Team gute Fragen und Freiräume zum Experimentieren. Manche Annahme wird dann bestätigt. Eine andere fällt nach dem ersten Kundengespräch wieder weg. Und so nähert man sich in einem iterativen Prozess der Antwort. Versuch und Irrtum sind inhärenter Bestandteil allen Lernens. Das Ziel ist primär der Erkenntnisgewinn, wobei auch ein Irrtum zum Erkenntnisgewinn zählt, denn dadurch können weitere Fehler umgangen und neue Annahmen getroffen werden.
In einem Unternehmen benötigen wir beide Denkrichtungen. Sowohl das Effizienz-Denken als auch das gezielte Lernen müssen von einer guten Führungskraft orchestriert werden. Die Herausforderung liegt darin, beide Ansätze bewusst zu unterscheiden und angemessene Erwartungen an das eine wie an das andere anzusetzen.
Von Beginn an für Klarheit sorgen
Dein Team liefert bessere Ergebnisse, wenn es weiss, was gerade gefordert ist. Diese Binsenweisheit gilt ganz besonders im Zusammenspiel von Effizienz und Lernen.
Im Effizienzmodus lautet der Auftrag: «Liefert zuverlässig, nutzt den vereinbarten Prozess, haltet das Qualitätsniveau ein und optimiert den Ressourceneinsatz.» Denn am Ende geht es bei der Effizienz um Einsparungen. Im Lernmodus lautet der Auftrag dagegen: «Prüft unsere Annahmen. Probiert aus und zieht eure Schlüsse daraus. Erarbeitet, welche Konsequenzen eure Erkenntnisse nach sich ziehen.»
Der Unterschied wirkt unscheinbar, doch verändert sich im Alltag sehr viel, wenn wir bewusst damit umgehen. In einem Lernprojekt solltest du beim Review andere Fragen stellen. Statt «Wann ist das fertig?» hilft zum Beispiel «Welche Annahme habt ihr geprüft? Welche Erkenntnisse habt ihr seit letzter Woche erarbeitet und was bedeutet das für die nächsten Schritte?» So bleibt das Team handlungsfähig, denn es weiss, woran der Fortschritt gemessen wird.
Gute Führung denkt im Sowohl-als-auch
Nun dürfen wir nicht in die Falle tappen, Effizienz und Lernen gegeneinander auszuspielen. Die gute Führungskraft ist sich der Tatsache bewusst, dass eine Organisation beides benötigt. Effizienz optimiert das Bestehende. Lernen entwickelt das Neue. Zukunftsorientierte Führung schützt einerseits den operativen Kern und schafft gleichzeitig zusätzliche Freiräume für die Weiterentwicklung.
Das verlangt ein bewusstes Hinschauen der Führungskraft: Worum geht es bei der vorliegenden Aufgabe wirklich? Geht es um Effizienz oder geht es ums Lernen? Wo braucht es Freiräume zum Experimentieren und an welcher Stelle geht es ums knallharte Abliefern? Oder bewegen wir uns irgendwo dazwischen? Denn manchmal ergibt es Sinn, das Lernen effizienter zu gestalten, und manchmal erreichen wir mehr Effizienz durch eine lernende Herangehensweise.
Die Dosis bestimmt die Wirkung
Mach dir also von Anfang an klar, was du von deinem Team erwartest, sonst passiert es schnell, dass du ein Experiment nach Effizienzgesichtspunkten und das Tagesgeschäft nach seiner Originalität bewertest.
Frag dich das nächste Mal, was das Ziel der Aufgabe ist, die du deinem Team gibst. Geht es ums Liefern oder ums Lernen? Damit gibst du deinem Team mehr Orientierung. Das Team weiss, was es tun soll, und alle wissen, worauf es am Ende ankommt. Auf diese Weise verbindest du für das Unternehmen das, was heute funktioniert, mit dem, was morgen das Überleben sichert.