Ich sehe noch das Bild dieser Skifahrerin bei den Olympischen Spielen vor mir. Sie wirkte konzentriert. Alles war vorbereitet. Hinter ihr lagen viele Jahre des Trainings. Im Kopf war sie den Lauf schon hundertmal gefahren.
Ich wusste, dass sie sich erst kürzlich einen Kreuzbandriss am linken Knie zugezogen hatte. Trotzdem hatte sie sich entschieden, den Lauf zu fahren.
«Mutig», dachte ich. «Die beisst sich durch.» Noch einmal alles geben. Wer in einem leistungsorientierten System gross geworden ist, kennt diese innere Stimme, die dich antreibt: «Es geht schon. Du kannst das. Du musst dich nur fokussieren.»
Kurz nach dem Start stürzte sie schwer. Die Verletzungen waren so gravierend, dass sie ihr Bein beinahe verloren hätte.
Der Körper weiss oft mehr
Kluges Energiemanagement sieht anders aus. Angelehnt an die Denkweisen östlicher Philosophien geht es um die Frage nach dem richtigen Mass. Es geht um Rhythmus und Stimmigkeit, um die Entscheidung, wann kraftvolles, fokussierte Handeln sinnvoll ist und wann Innehalten die klügere Entscheidung ist.
Das klingt so selbstverständlich und fast zu einfach für eine Welt voller Strategie-Reviews, Transformationsoffensiven und Quartalszielen.
Allerdings sehe ich oft genug, wie Führungskräfte diese einfache Weisheit täglich ignorieren. Hier setzt ein Geschäftsleitung noch ein Projekt auf, obwohl die Organisation bereits am Anschlag läuft. Dort entscheidet sich ein CEO weiterhin alles allein zu machen, obwohl das Führungsteam längst bereit wäre, mehr Verantwortung zu übernehmen. Und an anderer Stelle kontrolliert eine Bereichsleiterin jeden Schritt ihres Teams, weil sie fürchtet, die Dinge nicht mehr im Griff zu haben.
Diese Menschen fragen mich früher oder später, warum sie ständig am Limit laufen. Sie gehen immer weiter, auch wenn die Warnsignale längst nicht mehr zu überhören sind. Sie halten die Spannung hoch, weil Reduktion sich wie Schwäche anfühlt und begründen es mit Verantwortungsübernahme. Tatsächlich steckt ein ganz anderer Gedanke dahinter: «Ich halte es kaum aus, anders zu entscheiden, weil ich sonst die Kontrolle verliere.»
Innehalten gehört auch zur Führung
Ausgewogenes Energiemanagement führt weg vom blossen Reagieren. Es führt zu der Frage: Was ist jetzt angemessen? Das ist eine anspruchsvolle Frage. Sie verlangt Präsenz und ein in sich hinein hören, bevor man ins nächste Thema springt. Viel zu viele denken:
«Ich muss verfügbar sein.»
«Ich darf keine Unsicherheit zeigen.»
«Wenn ich es abgebe, verliere ich Einfluss.»
«Wenn wir jetzt bremsen, fallen wir zurück.»
Solche Sätze sind innere Programme und keine echte Strategie. Sie erzeugen eine Realität, die zu einer Daueranspannung mutiert. Dauerhaft wirksame Führung braucht ein gesundes Bewusstsein für den eigenen Energiehaushalt und den der eigenen Organisation. Es gilt, das Wechselspiel aus Aktivität und bewusstem Innehalten im Blick zu behalten.
Innehalten bedeutet in der Praxis: Du öffnest die nächste Diskussion langsamer. Du stellst eine Frage, bevor du eine Richtung vorgibst. Du überlässt eine Entscheidung denen, die das Wissen dafür haben. Du stoppst ein Vorhaben, das nur noch aus Gewohnheit weiterläuft. Du sagst im Meeting: «Wir sortieren zuerst, bevor wir den nächsten Schritt gehen.»
Der nächste Schritt zur nachhaltig starken Organisation
Der bewusste Blick auf die eigenen Ressourcen und die der Organisation ist eine reife Form der Verantwortungsübernahme. Es geht um die Frage, was jetzt dem Ganzen am meisten dient: dir, dem Team, der Organisation und der Wirkung, die ihr erzeugen wollt.
Vielleicht probierst du es nach dem Lesen dieses Textes im nächsten Meeting aus: Halte einen Moment inne, bevor du etwas sagst. Frag dich, ob du dir selbst klar bist oder aus einem inneren Druck heraus handelst. Schau in die Runde und versuche zu erfassen, was in deinem Team gerade passiert.
Beobachte, was passiert, wenn du eine offene Frage stellst, anstatt einen Fakt in den Raum zu werfen. Was passiert, wenn du die Entscheidung dem Team überlässt? Was, wenn du ein Thema von der Agenda nimmst oder eine Pause zulässt?
Häufig sind das die Momente, in denen Führung wieder stimmig wird.